19. August 2015

Europaweite Frauenquote: Alte Debatten rosten nicht

Seit einiger Zeit schon wird in der EU eine leidenschaftliche und äußerst kontroverse Debatte über die Einführung einer verbindlichen, europaweiten Regelung zur Repräsentation von Frauen in Aufsichtsräten und Vorständen geführt. Ja, die gute, alte Quotendebatte. Manche hassen sie. Weil schon tausendmal geführt, weil zu emotional, weil zu viele blöde Argumente.

Ich liebe sie. Jedes Mal neu. Und dieses Mal will ich meine liebsten Gegenargumente präsentieren und sagen, weswegen ich trotzdem für eine Frauenquote bin.

Es betrifft nur so wenige Frauen. Altersarmut von Frauen zu bekämpfen, ist viel wichtiger.

Diese Themen gegeneinander zu diskutieren, finde ich falsch. Eine Frauenquote für Vorstände zu fordern, schließt keineswegs aus, sich für den Mindestlohn einzusetzen, Armutsbekämpfung zu unterstützen und Steuergerechtigkeit zu fordern. Ganz im Gegenteil habe ich den Eindruck, dass diese politischen Forderungen bei vielen Menschen sogar häufig miteinander korrelieren.

Ich kämpfe gegen Altersarmut und den Gender Pay Gap, gegen Gewalt an Frauen, gegen sexistische Stereotypisierung und für wahre Gleichberechtigung. Eine Frauenquote kann all diese Kämpfe voranbringen. Deshalb brauchen wir sie.

Nur Leistung sollte entscheiden. Nichts anderes und ganz sicher keine, von der Politik aufgezwungenen, Quoten.

Leistung sollte entscheiden? Tut sie aber nicht. In diversen Studien ist belegt worden, dass sehr viele Faktoren Einfluss auf Entscheidungen haben, wer eingestellt wird, wer in einem Unternehmen befördert wird und wer wie viel Geld verdient. Unter anderem das Geschlecht. Zum Vorteil von Männern.

Kern der europäischen Regelung ist dementgegen: Transparente, nachvollziehbare Entscheidungsverfahren bei Neubesetzungen von Aufsichtsräten einzuführen, eben damit es vor allem um Qualitäten geht, die die Bewerber*innen mitbringen. Es geht also darum, die Voraussetzungen anzugleichen, gerechter und fairer zu machen und nicht weiter ein Geschlecht zu bevorteilen.

Dann brauchen wir ja auch eine Quote für Straßenfeger*innen und Taxifahrer*innen.

Naja, wie bei so vielen Dingen geht es auch bei der Frauenquote um Macht. Macht als Gestaltungsmacht im Foucaultschen Sinn. Nun haben sicher auch Straßenfeger*innen und Taxifahrer*innen Macht. Sie prägen ihre Umwelt, sie gestalten unsere Lebensrealität. In einer idealen Welt sollte das Geschlecht bei der Berufswahl keinen Unterschied mehr machen. Dafür brauchen wir Frauenförderungsprogramme und wir müssen Bilder in unseren Köpfen aufbrechen.

Trotzdem ist die Gestaltungsmacht von Aufsichtsräten und Vorständen von großen Unternehmen sehr zentrale und deshalb politisch extrem relevant. Weil hier Entscheidungen getroffen werden, die das Leben von Millionen von Menschen direkt beeinflussen. Entscheidet sich E.on für eine ressourcenfreundliche Energiepolitik, verändert das die energiepolitischen Diskussionen und betrifft tausende Verbraucherinnen und Verbraucher europaweit. Wenn die REWE Gruppe sich für eine andere Arbeitnehmer*innenpolitik ausspricht, sind davon 335.992 Menschen betroffen.

Deshalb müssen Frauen in genau diesen Positionen vertreten sein. Und deshalb brauchen wir jetzt eine Frauenquote.

Mehr Kinderbetreuung und eine familienfreundliche Arbeitswelt sind der Schlüssel zu mehr Gleichberechtigung.

Ja, das stimmt. Allerdings nicht der einzige. Viele Frauen haben keine Kinder, wollen keine haben und brauchen keine Betriebskitas. Sie werden dennoch diskriminiert und stoßen an die gläserne Decke. Weil sie Frauen sind.

Deshalb gilt auch hier: Wir brauchen endlich verbindliche, gesetzliche Regelungen, die alte gesellschaftliche Strukturen aufbrechen.

In Deutschland bekommen wir ja jetzt eine Quote. Was ihr da in Europa macht, muss deutsche Frauen doch nicht interessieren.

Das ist derzeit die Lieblingsargumentation der Bundesregierung in Brüssel. Und sie ist falsch.

Erstens, weil wir mit dem Anspruch Politik machen sollten, europäische Politik zu gestalten. Gesellschaftspolitik endet nicht an nationalen Grenzen. Ob eine deutsche oder schwedische Frau von einer Frauenquote profitiert, ist mir herzlich egal.

Zweitens, weil es darum geht, Männerbünde aufzubrechen und Unternehmenskulturen zu verändern. Sprechen wir nun von wirklich großen Unternehmen, liegt auf der Hand, dass diese in den allermeisten Fällen ohnehin transnational agieren. Aber auch bei kleineren Unternehmen ist die europäische Realität offensichtlich. Allein durch einen gemeinsamen europäischen Binnenmarkt. Deshalb braucht es eine europäische Regelung.

Die Quote macht uns weniger wettbewerbsfähig und ist schlecht für die Wirtschaft.

Auch immer wieder gerne vorgebracht und schon tausendmal widerlegt: Unternehmen sind erfolgreicher, wenn Frauen in der Führungsebene vertreten sind. Gemischte Teams funktionieren besser, weil oftmals unterschiedliche Meinungen, Herangehensweisen und Blickwinkel am Ende zu einem besseren Ergebnis führen. Wettbewerbsfähiger ist also, wer elende Glasdecken endlich durchbricht.

Wieso dann keine Quote für Migrant*innen und Menschen mit Behinderungen?

Das stimmt. Ich will dagegen eigentlich keine blöden Strategieargumente vorbringen, aber ich finde, unterschiedliche marginalisierte Gruppen gegeneinander auszuspielen, bringt nur wenig.

Du bist doch voll die Kampfemanze und willst den Männern nur was wegnehmen.

Wow, starkes Argument. Fast so stark wie “Du hast doch noch nie gearbeitet.”, “Du hast doch gar keinen Universitätsabschluss.” oder “Du bist ein hässlicher quakender Frosch.”

Im Ernst: Genau diese Argumente sagen sehr viel. Denn ja, es geht in dieser Debatte um Verteilung von Macht. Und manche – vor allem männlich sozialisierte – Menschen haben große Angst davor, dass ihnen etwas weggenommen wird.

Es geht in dieser Debatte aber in erster Linie um Gerechtigkeit. Und für Gerechtigkeit sollten wir streiten.

Dieser Artikel ist zuerst erschienen bei www.gruen-ist-lila.de.

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