29. Juni 2017

Verbot der Istanbul Pride: „Wir bleiben“

Zum dritten Jahr in Folge wurde die Pride in Istanbul verboten. Statt Regenbogenflaggen gab es Tränengas und Gummigeschosse. Umso wichtiger ist es in diesen Zeiten, türkische LGBTI+ Aktivist*innen zu unterstützen. Wir waren in Istanbul und sind für queere Rechte und gegen staatliche Repressionen auf die Straße gegangen.

Es war ein kurzer Augenblick des Triumphs. Eine türkische Aktivistin öffnet die schwarze Tasche, die über ihrer Schulter hängt, und holt ein Tamburin hervor. Rhythmisch schlägt sie gegen das Instrument. Um sie herum klatschen die Menschen im Takt, johlen, beschleunigen ihre Schritte. Hastig kramen sie Regenbogenflaggen hervor, die vorher verborgen bleiben mussten. Einige Aktivist*innen entfalten ein Banner, neun, zehn Meter ist es lang, es erstreckt sich über die ganze Breite der Straße. „Wir sind hier“, steht darauf, und „25. Istanbul LGBTI+ Pride Week“. Es ist ein Gänsehautmoment. Wir alle spüren das plötzliche Aufblitzen von Hoffnung – doch sie hält nicht lange an.

Sekunden später eilen Polizisten auf die Demonstrant*innen zu, auf uns zu, sie tragen Schutzschilder und Schlagstöcke. Tränengaskanonen werden in die Menge gefeuert. Die Menschen zerstreuen sich, Regenbogenfahnen verschwinden so schnell, wie sie aufgetaucht waren. Wir rennen. Statt bunter Vielfalt hängt nun der neblig-weiße Dunst von Reizgas in der Luft.

Aktivist*innen fliehen vor dem Tränengas. Foto: Serdar Ocaksonmez, SPoD

Die Pride Parade findet in Istanbul seit mehr als zehn Jahren statt, die Pride Week mit Workshops und Diskussionsrunden hat dieses Jahr ihr 25. Jubiläum. Lange war die Istanbuler Parade die einzige Demonstration ihrer Art, die in einem überwiegend muslimischen Land ohne Zwischenfälle stattfinden konnte. Das aber hat sich besonders in den letzten Jahren geändert – die LGBTI+ Community in der Türkei befindet sich in einer prekären Lage. 2015 wurde die Pride zum ersten Mal verboten und konnte seither nicht mehr stattfinden. Noch 2014 zog die Parade Zehntausende Menschen an. Umso tragischer ist, was wir an jenem Sonntag in Istanbul erleben.

Türkische Behörden hatten den diesjährigen „Marsch des Stolzes“ nur einen Tag vorher untersagt – aus „Sicherheitsgründen“. Doch als wir uns mit der LGBTI+ Community in der Gegend um den Taksim-Platz versammeln, wissen wir: Das Sicherheitsrisiko geht nicht von den friedlichen Aktivist*innen aus, sondern von der Polizei. Das Versammlungsrecht ist ein zentraler Bestandteil der Menschenrechte – seit sich die Türkei unter Präsident Recep Tayyip Erdogan aber immer mehr in einen Willkürstaat verwandelt, werden diese Rechte mit Füßen getreten. Wir beobachteten, wie Polizeibeamte brutal gegen Demonstrant*innen vorgingen. Rund 40 Menschen wurden verhaftet, darunter Anwält*innen und Journalist*innen.

Die Reaktion der Behörden war keine Überraschung. Aber sie hinterließ einen bitteren Nachgeschmack – besonders, weil wir in Gesprächen mit Aktivist*innen vor der Pride einen zaghaften Optimismus spüren konnten. Zum Beispiel im „Boysan’in Evi“, auf Deutsch: Boysans Haus. Boysan Yakar war ein türkischer LGBTI+ Aktivist, der vor zwei Jahren bei einem Autounfall ums Leben kam. Seine Familie verwandelte seine Wohnung daraufhin in einen sozialen Raum für LGBTI+ Menschen. Überall hängen Fotos von Boysan und seinen zwei Freund*innen, die bei dem Unfall mit ihm starben. Das Apartment ist ein Ort der Erinnerung, aber es finden auch Workshops und Veranstaltungen statt. Solche Orte sind rar: Die Community wird im öffentlichen Leben immer weiter zurückgedrängt. Gerade deshalb ist Boysans Haus ein Symbol dafür, wie sich die queere Gemeinschaft ihre Räume erkämpft. Als wir das Apartment besuchen, sehen wir eine Dokumentation über Boysans Leben und Wirken als Aktivist. Es ist ein Abend voller Solidarität und Herzlichkeit – und ein krasses Kontrastprogramm zum Pride-Marsch zwei Tage später.

In Boysans Haus.

Internationale Solidarität ist wichtiger denn je

Wir müssen jetzt mehr denn je den Aktivist*innen zur Seite stehen und ihnen zeigen: Ihr seid nicht allein im Kampf gegen Homo-, Bi- und Transfeindlichkeit und gegen eine Regierung, die die queere Szene systematisch unterdrückt. Der Ausnahmezustand, der seit dem gescheiterten Putschversuch im Juli 2016 gilt, schränkt die Rechte der Community noch weiter ein. Leider jedoch kamen dieses Jahr wesentlich weniger internationale Unterstützer*innen nach Istanbul. Terry als Europaabgeordnete beispielsweise war die einzige EU-Vertreterin vor Ort, nachdem sie bereits an der Istanbul Pride 2015 und 2016 teilgenommen hatte.

Ihr Eindruck: „Die LGBTI+ Szene in der Türkei musste enorme Rückschläge hinnehmen. Dabei ist es unser Recht, auf die Straße zu gehen und für Gleichberechtigung zu kämpfen. Der türkische Staat kann noch so hart gegen die Demonstrationen vorgehen – wir lassen uns nicht einschüchtern. Wir sind bunt, wir sind laut, und wir geben nicht auf.“

Für die türkischen Aktivist*innen war der Tag der Pride eine Niederlage: Es war den Sicherheitskräften gelungen, die Parade zu verhindern. Der 25. Juni 2017, der in Istanbul zum Tag der vorsichtigen Hoffnung hätte werden können, stand im Zeichen von Polizeigewalt und Willkür.

Und dennoch. Von Aufgeben war an diesem Tag keine Rede – im Gegenteil, die Reaktionen waren trotzig. In ihrem Abschlussstatement gaben sich die Organisator*innen der Pride kämpferisch: „Gouverneure kommen und gehen, Regierungen wechseln, Staaten ändern sich. Wir bleiben.“

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